Veröffentlicht am 18.08.2021, komplett überarbeitet am 14.09.2021

“Content is king”stammt nicht von Bill Gates

Im folgenden Artikel werde ich zeigen, dass Bill Gates nicht der erste war, der den Begriff “Content is king” verwendet hat.

„Content is king“: diese Formulierung wurde nicht erst 1996 von Bill Gates im gleichnamigen Essay erfunden. Was kaum jemand weiß: Bereits im Jahr 1963 hat sich der amerikanische Mediziner Leo L. Leveridge, M.D. in einem Fachartikel ausführlich mit der Devise „Content is king“ beschäftigt. 33 Jahre vor Gates und lange vor dem Siegeszug des Internets. Warum wird das Zitat aber dennoch fast immer Microsoft-Gründer Bill Gates zugeschrieben?

Die Sache ist die: Als Leverdige seinen Artikel schrieb, war das World Wide Web noch kein Thema. Und der Begriff ‘Content’ wird heute nun mal meist im Kontext von Internet, Social Media und Marketing verwendet. Wie so oft geht es auch hier nicht zwangsläufig darum, wer etwas als erster geschrieben hat. Sondern mehr darum, in welchem Zusammenhang die Aussage getätigt wurde. Und auf wie viel Resonanz sie trifft. Was hier auch nicht vergessen werden darf: Leveridge veröffentlichte seinen Artikel ursprünglich 1963 in einer Print-Fachzeitschrift; Bill Gates 1996 auf der Webseite von Microsoft.

Gary Vaynerchuk würde hier wohl sagen: Content is king, but Context is God.

Während sich Leveridge auf die Qualität des Contents konzentrierte, rückte Gates die Distribution in den Vordergrund. Eine Synthese dieser beiden Positionen liefert hingegen dieses wenig bekannte Zitat des Medienmoguls Sumner Redstone: “Content is king, but let’s say distribution is at least near prince.” (Anm.: das Zitat habe ich aus diesem Video transkribiert.)

Aber sehen wir uns die Sache doch einmal genauer an …

Abb. oben: Screenshot des Abschnittes ‘Content is king’ aus dem 1963 erschienenen Artikel Films for Medical Education von Leo. L. Leveridge, M.D.

Fotoquelle: Google Books 

 

“Content is king” – Leo L. Leveridge, M.D. 

„Content is king“ – many medical films are worth showing, when nothing about them is satisfactory except the content. Conversly, when the content is insignificant, the finest production skills do not make a motion picture worthy of showing. Therefore, content is the most important part to be evaluated.

 

The film user must determine whether it is up-to-date and valid. Also to be considered are the scientific importance of the subject, bias, errors in emphasis, unproved claims, misinterpretations and incorrect conclusions.“ 

Quelle: Leveridge, Leo L. M.D., C.M. Films for Medical Education. In: Toward improved learning. A collection of significant Reprints for the Medical Educator. United States. Public Health Service. Audiovisual Facility · 1967 Reprinted from the Journal of Medical Education, April, 1963, vol. 38, pp. 307-314

“Content is king'”

Leo L. Leveridge, M.D.

“Der Inhalt ist König” – Leo L. Leveridge, M.D.

„Der Inhalt ist König“- viele medizinische Filme sind es wert, gezeigt zu werden, obwohl an ihnen nichts zufriedenstellend ist, außer ihrem Inhalt.  Wenn jedoch umgekehrt der Inhalt nichtssagend ist, machen selbst die hervorragendsten Fertigkeiten in der Produktion einen Film nicht vorführwürdig. Deshalb ist der Inhalt der wichtigste Bestandteil, den es zu bewerten gilt.

Der Nutzer des Films muss feststellen, ob er (der Inhalt, -Anm. des Übersetzers) aktuell und stichhaltig ist. Ebenso berücksichtigt werden müssen die wissenschaftliche Bedeutung des Gegenstandes, Voreingenommenheiten, Fehler in der Schwerpunktsetzung, unbewiesene Behauptungen, Fehlinterpretationen und unrichtige Schlussfolgerungen.

Quelle: Leo. l. Leveridge, Films for Medical Education. In: Toward improved learning. A collection of significant Reprints for the Medical Educator. United States. Public Health Service. Audiovisual Facility · 1967 Reprinted from the Journal of Medical Education, April, 1963, vol. 38, pp. 307-314 (eigene Übersetzung, Alexander Ujcik)  

Fazit:

Leo. L. Leveridge hat schon 33 Jahre vor Bill Gates den Begriff “Content is king” verwendet. Sorry, Bill Gates.

1963 hatte Leveridge noch den Film als neues Unterrichtsmedium im Auge. In weiterer Folge beschäftigte er sich in seiner Arbeit aber auch immer stärker mit aufkommenden neuen Medien wie Computern und der Interactive Videodisc. Er erkannte das enorme Potential derartiger technischer Entwicklungen für die Wissensvermittlung.

So schrieb er etwa 1983 in seinem Artikel The interactive videodisc:

Wir stehen an der Schwelle zu einer Revolution in der Kommunikation, die möglicherweise für die Bildung so bedeutsam ist, wie jene, die auf die Erfindung der beweglichen Drucklettern folgte.

Mit der Verwendung interaktiver Videodisc Programme, designed und produziert mit Geschick und Sorgfalt, können wir einige der drückendsten Probleme der medizinischen Bildung lösen.

(eigene Übersetzung aus dem Englischen)

Die Contentkriterien von Leveridge ähneln zudem jenem Qualitätsstandard für Content, den Google heute auch für sogenannten YMYL (Your money, your life)-Themen anstrebt. Nicht nur wenn es um medizinische Themen geht, würden die von Leveridge definierten Qualitätskriterien für Content auch gut in die Google Quality Rater Guidelines passen.

Einige biographische Angaben zu Leo L. Leveridge

Leo L. Leveridge erwarb seinen Titel M.D., C.M. (Medicinæ Doctorem et Chirurgiæ Magistrum) an der medizinischen Fakultät der McGill Universität. Zudem war er Fellow am Medical Film Institue of the Association of American Colleges sowie der American Medical Writers Association.

Als Mitarbeiter der American Medical Association beschäftigte sich Leo L. Leveridge hauptsächlich mit der Entwicklung innovativer Technologien für interaktive Multimedia-Selbstlernprogramme mit Selbstauswertung.

Ferner war er an medizinischen Fakultäten, in der Industrie, sowie in der medizinischen Verwaltung und der medizinischen Praxis tätig. Er war Autor von zahlreichen Publikationen, medizinischen Lehrfilmen sowie interaktiven Mutimedia-Selbstlernprogrammen mit Selbstauswertung.

Hauptquelle der biographischen Angaben zu Leo L. Leveridge, M.D., C.M. war für mich die Wiley Online Library 

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